Ich bin genug!

Ich bin genug !

eine Betrachtung mit - The Work von Byron Katie

Es gibt Gedanken, die ich manchmal so lange mit mir herumtrage, dass ich sie irgendwann für die Wahrheit halte.

Einer davon ist: „Ich bin nicht genug.“

Dieser madige Satz, der nur in meinem Kopf/Vertsandkonstrukt und niemals in meinem Herzen vorbeikommt, taucht einfach auf. Manchmal variiert er und sucht sich andere Unsinnigkeiten aus, um mich damit zu beschäftigen. Ich erzählt mir, ich wäre nicht schön genug. Dann bin ich ihm nicht erfolgreich oder klug genug. Als nächstes bin ich ihm nicht  sportlich genug. Es ist so absurd, dass es mir direkt auffällt und ich innerlich sage: Stop, was soll das? Wem gehört der Satz? Machmal ist es auch kein Satz sondern mehr ein Gefühl. Perfektionismus, ständige Selbstkritik oder dem Gefühl, mich immer noch mehr anstrengen zu müssen.

Mit The Work von Byron Katie kann ich solche Gefühle und Gedanken genauer beleuchten. Es geht dabei nicht darum, mir etwas schönzureden oder einen negativen Satz einfach durch eine positive Affirmation zu ersetzen. Es geht mir darum, zu prüfen, ob das, was ich meine zu glauben, wirklich stimmt.

Der Gedanke: „Ich bin nicht genug“

Wenn ich glaube, dass ich nicht genug bin, verändert sich sofort etwas in mir. Ich werde angespannter, kritischer und vergleiche mich schneller mit anderen. Ich suche Bestätigung im Außen und verliere dabei leicht den Kontakt zu mir selbst.

Dann fühlt sich mein Leben an wie eine Prüfung, in der ich ständig beweisen muss, dass ich richtig bin. Ein Blick, ein Kommentar oder eine ausbleibende Reaktion können plötzlich ausreichen, um den alten Gedanken wieder zu bestätigen.

Aber stimmt er wirklich?

Die vier Fragen von The Work

Byron Katie arbeitet mit vier Fragen. Sie sind einfach formuliert, aber wenn ich sie ehrlich beantworte, können sie sehr tief gehen.

 

1. Ist das wahr?

Der Gedanke lautet: „Ich bin nicht genug.“

Ist das wahr?

Vielleicht gibt es innere Bilder, Erinnerungen oder Situationen, die scheinbar dafürsprechen.

Wichtig ist, erst einmal ehrlich hinzusehen, ohne mich dafür zu verurteilen.

 

2. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Kann ich wirklich sicher wissen, dass ich nicht genug bin?

An dieser Stelle beginnt oft etwas in mir weicher zu werden. Vielleicht, oder ganz sicher, ist dieser Gedanke keine Wahrheit, sondern eine uralte Überzeugung. Habe ich ihn irgendwann übernommen? Durch meine Erfahrungen in Beziehungen, Erziehung, Kritik, Vergleiche oder Verletzungen.

Ein solcher Gedanke erscheint mir, wie ein Fleck auf dem Teppich. Anstatt ihn zu bereinigen, wird er kaschiert oder einfach hingenommen. Heute nicht. 

Heute werde ich mich darum kümmern. 

 

3. Wie reagiere ich, wenn ich diesen Gedanken glaube?

Wenn ich glaube, nicht genug zu sein, spüre ich innerlich Druck, Scham, Traurigkeit oder innere Unruhe. Ich versuche, besonders stark, freundlich,  klug oder unauffällig zu sein. Ich sage vielleicht Ja, obwohl ich Nein meine. Oder ich halte mich zurück, weil ich Angst habe, nicht gut anzukommen.

Auf jeden Fall entfernt mich der Gedanke von meiner Natürlichkeit. Ich bin dann nicht mehr frei im Kontakt mit anderen, sondern innerlich damit beschäftigt, mich zu bewerten.

 

4. Wer wäre ich ohne diesen Gedanken?

Wer oder wie wäre ich, wenn ich den Gedanken „Ich bin nicht genug“ für einen Moment nicht glauben würde?

Ruhiger? In jedem Fall. Vielleicht könnte ich tiefer atmen. Ich könnte lernen, ohne mich gedanklich abzuwerten.

Ich könnte ein paar Fehler machen, ohne daraus gleich ein Urteil über meinen ganzen Wert zu bilden.

Ohne diesen fiesen Gedanken wäre eine Weiterentwicklung sehr gut möglich. Ganz ohne Druck, mehr aus Interesse und schulterklopfender Selbstachtung.

 

Die Umkehrung: „Ich bin genug“

 

Eine mögliche Umkehrung lautet: „Ich bin genug.“

Das bedeutet nicht, dass ich alles kann, immer souverän bin oder keine Aufgaben mehr habe. Für mich bedeutet dieser Satz eher:

Mein Wert hat nichts mit meinen Leistungen oder meinem Äussern zu tun. 

Ich bin genug, auch wenn ich unsicher bin.
Ich bin genug, auch wenn ich noch lerne.
Ich bin genug, auch wenn andere mich nicht immer verstehen.
Ich bin genug, auch wenn ich selbst manchmal daran zweifle.

Dieser Satz tut mir gut. Es lohnt sich für mich, ihn nicht nur zu denken, sondern mit schöner Tinte aufzuschreiben.

 

Eine kleine Schreibübung

Nimm ein weißes Blatt Papier und schreibe den Satz:

Ich bin genug.

Schreibe ihn langsam ein paar Mal hintereinander und beobachte und fühle, was passiert. Wird deine Schrift größer oder kleiner?

Schreibst du flüssig oder stockend? Drückst du stark auf oder bleibt die Bewegung leicht?

Wird dir der Satz mit der Zeit vertrauter oder entsteht Widerstand?

Du musst nichts verändern. Es reicht, wahrzunehmen.

Danach kannst du auch den alten Satz aufschreiben:

Ich bin nicht genug.

Und dann gehst du mit diesem Satz durch die vier Fragen:

Ist das wahr?
Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
Wie reagiere ich, wenn ich diesen Gedanken glaube?
Wer wäre ich ohne diesen Gedanken?

Gerade in Verbindung mit der Handschrift wird sichtbar, ob ein Satz nur im Kopf verstanden wurde oder ob er langsam tiefer ankommt.

Die Hand zeigt oft sehr ehrlich, wo noch Spannung sitzt und wo schon mehr Ruhe entsteht.

 

Schlussgedanke

„Ich bin genug“ ist kein Satz, der sofort alles lösen muss. Er darf sich ganz langsam in deinem Kopf setzen. Vielleicht glaubst du ihn nicht beim ersten und auch nicht beim zehnten Mal. Das ist kann passieren. Alte Überzeugungen sind wie manchmal hartnäckig.

Wichtig ist, den alten Gedanken nicht mehr ungeprüft regieren zu lassen.

Veränderung beginnt dort, wo ich mich nicht zwinge anders zu sein, sondern aufhöre, jeden Zweifel sofort für die Wahrheit zu halten.

 

Es gibt viele Sätze, die mit Licht betrachtet ihre Farbe verändern. 

Viel Freude beim Ausprobieren.