Zwischen Anpassung und Wahrheit – eine Handschrift erzählt eine Geschichte

Manchmal kommen Menschen zu mir, einfach aus Neugier. Sie versichern mir, sie akzeptieren ihre Macken und haben sich mit ihrer „Klaue“ arrangiert. Dennoch investieren sie Zeit und Geld und wollen wissen, was ich in ihren Mustern erspähen kann. „Mal schauen, was die Frau dazu sagt.“

Und ich? Ich stelle erst einmal ein paar Fragen.

 

Martina, eine sehr attraktive 45-Jährige, die durch ihr Äußeres schon ins Auge fällt, bevor sie einen Ton gesagt hat, ist so ein Mensch. Ihre Handschrift sowie ihre Signatur hatten mir das bereits zugeflüstert, noch bevor wir uns begegnet sind. Großzügige, legere Linien, die hastig nach vorne drängten.

Ihre Zeilen liefen auffällig steil nach oben, ähnlich wie bei Buchsignaturen. Das Rampenlicht lässt grüßen. Trotz der stattlichen Schriftgröße musste ich mir Mühe geben, den Text zu entziffern.

Beim Reinspüren in Schriften interessieren mich zunächst nur die Muster. Der Inhalt wird erst dann relevant, wenn Wörter aus der Harmonie fallen, herausstechen oder kippen. Mein Fokus liegt auf Rhythmus, Proportion und Balance – auf dem, was eine Melodie erzählt. Ich frage mich:
Wie nutzt jemand den zur Verfügung stehenden Raum?
Wo zeigt sich der Mensch, und wo nimmt er sich zurück?

 

Bei Martina war schnell klar, dass Schrift und Inhalt nicht ganz dieselbe Sprache sprechen.

Sie schrieb, sie interessiere sich für zu vieles auf einmal, und wolle durch das Aufpeppen ihrer Handschrift zugleich ihren Horizont erweitern.

Gleichzeitig zeigte ihre Schrift eine dominante Mittelzone. Die Oberlängen in h, l und f wirkten eingezogen, zurückhaltend, was darauf hindeutet, dass Fantasie und Vision wenig Raum bekommen. Etliche Druckbuchstabenelemente hatten sich eingeschlichen – ausgerechnet jene, die den Selbstwert untergraben. Anpassung, Mit-dem-Strom-Schwimmen, ließ sich in mehreren Mustern erkennen. In ihrem Fall war es eine Mischung, die auf Dauer viel Kraft kostet.

Ich spreche von den Buchstaben Mm und Nn. Ihr Thema ist Selbstachtung, Wertschätzung und Anerkennung. Martina trägt diese Symbole gleich zweimal in ihrem Vornamen. Es ist wichtig für sie, ihren Platz in der Familie und in ihrer eigenen Welt einzunehmen.

Mit dem t in der Mitte, dem Visionärsbuchstaben, wird sie immer wieder gefragt:
Was will ich?
Wofür bin ich hier?
Wofür stehe ich?

Martinas Schrift zeigte mir, dass sie ein gutes Gespür für Zugehörigkeit hat, aber wenig eigene Ambitionen entwickelt. Ihre Bedürfnisse waren ihr kaum bewusst, und so gab sie sich mit einem prunkvollen, aber eher oberflächlichen Leben zufrieden.

Der Spiegel dazu waren ihre t-Striche im Kleinbuchstaben. Tief angesetzt, zaghaft, manchmal gar nicht vorhanden. Es wirkte für mich, als würde jemand anderes ihr Leben für sie führen. Ohne klare, kräftige t-Striche fehlt die Präsenz, die seelische Verbindung und die gesunde Willenskraft, das eigene Leben in die Hand zu nehmen – auch dann, wenn es unbequem wird.

Die stark nach rechts geneigten Buchstaben zeigen Kontaktfreude und Interesse am Gegenüber. Gleichzeitig deuten sie auf eine emotionale Unruhe hin, auf einen Hang zum Dramatischen. Da wird schnell reagiert, ausgeschmückt und häufig überreagiert. 

Ganz anders Martina's Unterschrift. Groß, aufrecht, fast erhaben. Ihren Vornamen zierte ein überdimensionales, verschnörkeltes M und ein gekipptes n, das aussieht wie ein u. Der erste Buchstabe im Vornamen ist immer ein klares Statement. In ihrem Fall haut das M aus die Pauke und sagt:

„Hey, hier bin ich! Ich bin es gewohnt, gesehen zu werden. Man möge mich beachten."

Den angeheirateten Nachnamen schrieb sie deutlich kleiner, unleserlich – und jetzt kommt’s: Eine kräftige, rückläufige Linie zog sich quer hindurch und strich den Namen exakt bis an die Grenze zum Vornamen durch.

Meine erste Frage war: „Martina, liebst du deinen Mann und magst du dein Leben?“

Ihr schoss die Farbe ins Gesicht. Sie senkte den Kopf und das Lächeln verschwand. Keine Antwort, dafür viele Tränen. Mit einer einzigen Frage zerfloss die Fassade und ihr Herz übernahm. Wenn diese Mauer bricht, wird vieles möglich. Das ist nichts Ungewöhnliches.

Sie entschuldigte sich für ihre Tränen, und wir saßen einige Minuten in Stille.

 

Mit einer dominanten Mittelzone funktionieren viele Menschen lange und gut – meist für andere. Irgendwann spüren sie, dass sie sich selbst nicht mehr kennen und auch nicht mehr ernst nehmen. Martina hatte jung geheiratet und lebte an der Seite eines angesehenen Mannes. Für die eifersüchtige Schwiegermutter war sie nie gut genug – eine schöne Frau, aber nicht standesgemäß. In ihren Augen ein Makel im System, ein kleiner Fleck auf dem Familienquilt.

Das erklärt auch die durchgestrichene Linie im Nachnamen ihrer Unterschrift.

Martinas Aussehen hat ihr vieles erleichtert, aber nicht das, was wirklich trägt. Tiefe Freundschaften fehlten, weil sie oft nur Begleitung war – mehr Petersilie als Hauptgericht – und kaum eigene Interessen entwickelte.

 

Wir haben nicht die ganze Welt umgebaut, sondern kleine Dinge verändert. Schritt für Schritt, in ihrem Tempo. Die t-Striche gewannen an Höhe, Länge und Kraft. Die Oberzone streckte sich, bekam Luft, brachte Bewegung hinein. Mit jeder neuen Schleife wuchs ihre Freude an eigenen Ideen.

Ein entscheidender Schritt war ihr gebürtiger Familienname. Sie begann, ihn wieder bewusst zu integrieren. Das führte sie zurück zu ihren ursprünglichen Wurzeln.

Ihre Familie war weder reich noch berühmt. Nach der Hochzeit hatten sich ihre Eltern und Geschwister distanziert. Für sie wirkte Martina plötzlich fremd, abgehoben, arrogant. „Hast du vergessen, wo du herkommst?“ war ein Satz, den sie oft hörte. Einladungen blieben aus und die Kluft zwischen ihnen wuchs wie eine Dornenhecke.

Das Schreiben des Geburtsnamens bringt den Menschen zurück zu sich selbst. Wer dieses Feld wieder belebt, beginnt von innen heraus zu heilen. Annahme, Dankbarkeit, Zugehörigkeit – es wächst langsam, aber es wächst.

Martina begann zu Hause Dinge auszusprechen, die sie regelmäßig geschluckt hatte. Besonders im Umfeld ihres Mannes erlaubte sie sich, nicht mehr überall zu erscheinen. Sie blieb bei ihm, weil er sie liebt und ihren Weg mitträgt.

Und dann kam Rolex. Ein deutscher Schäferhund und ein längst vergessener Kindheitstraum.
Dieser echte Freund fordert von Martina volle Aufmerksamkeit, Klarheit, in dem was sie von ihm will, und ihre Verlässlichkeit.
Er reagiert nicht auf Worte, sondern auf Haltung. Ihm kann sie nichts vorspielen.

Heute lebt Martina mit drei Schäferhunden und zwei Katzen. Sie engagiert sich im Tierschutzverein und hat den Kontakt zu ihrer Familie wieder aufgenommen.

Beim Schreiben geht es darum, wieder bei sich selbst anzukommen. Sich ernst zu nehmen und das eigene Leben bewusst mitzugestalten.

Du setzt die Linien und nur du entscheidest, wohin sie führen.

Viel Freude beim Schreiben.
Marika Jacqueline Mitterhofer