Was verrät Kalligraphie wirklich über einen Menschen?
Bekomme ich einen Brief, der kalligraphisch geschrieben ist, entsteht bei mir ein inneres Bild:
Da sitzt ein Mensch, der mich auf seine Art beeindrucken möchte. Kalligraphie wirkt durchaus etwas laut, schon allein durch die Größe.
Dieser Mensch gibt sich Mühe und hat ein Bedürfnis nach Schönheit. Es ist jemand, der gerne schreibt, der seine wertvolle Zeit investiert hat, um diese ornamentreichen Züge seinem Gehirn und seiner Hand zu erlernen, der nicht rein zufällig verziert, sondern ganz absichtlich.
Kalligraphie passiert nicht nebenbei, sie ist kein Flüchtigkeitsprodukt, sie ist, wie jede andere Schrift eine Art sich auszudrücken und - eine innere Haltung dem Leben gegenüber. Ich spreche diesem Menschen Fantasie und Kreativität zu, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ästhetik und Harmonie, vielleicht auch die Freude daran, dem Alltäglichen einen feierlichen Rahmen zu geben.
Dennoch bleibe ich beim Lesen ein wenig auf Distanz. Die übergroßen Anfangsbuchstaben, die verlängerten Wortenden, die kunstvoll erlernte, normierte Schreibart wirken auf mich weniger wie ein Spiegel der Persönlichkeit, sondern eher wie eine Maske. Schön, beeindruckend, perfekt ausgeleuchtet – aber eben ein bisschen Drama und ein Hang zur Bühne. Ich frage mich unweigerlich, wofür oder für wen dieser Aufwand betrieben wird. Für den Empfänger, oder für das eigene Bedürfnis, in einem bestimmten Licht gesehen zu werden?
Kalligraphie verlangt Kontrolle, viel Übung, ruhige Hände und einen langen Atem. Sie braucht Geduld und ein hohes Maß an Disziplin. Vielleicht auch ein starkes Harmoniebedürfnis. Menschen, die so schreiben, denke ich, sind oft visuell orientiert, stark auf Ausdruck und Gestaltung fokussiert, mehr nach außen gerichtet als nach innen. Die Schrift will wirken, sie möchte gefallen, sie möchte etwas darstellen. Und obwohl sie schwungvoll aussieht, bremst sie das Schreiben unweigerlich durch die vielen Kringeleien aus. Mir, oder besser dem Schreiber oder der Schreiberin, fehlt es an Spontanität.
Es fühlt sich ein wenig so an, als würde mir jemand seine Meinung nicht sagen, sondern vorsingen. Oder als würde man sich nicht einfach durch die Straßen bewegen, sondern jede Strecke tanzen. Eindrucksvoll, keine Frage, aber nicht natürlich.
Kalligraphie ist keine spontane Bewegung des Inneren, sie zeigt weniger, was im Menschen geschieht, und deutlich mehr, wie es nach außen aussehen soll.
Nicht selten begegnet mir dabei ein spannender Kontrast: Manche Menschen mögen ihre eigene Handschrift nicht, empfinden sie als unschön oder unruhig, und wechseln deshalb zur Kalligraphie. Im Alltag schreiben sie in Blockschrift, sauber getrennt, funktional, und in Briefen erscheint dann plötzlich eine höchst ausgeprägte und künstlerische Imponierschrift. Zwei Extreme und zwei Formen von innerer Distanz auf die Welt und zu sich selbst. Beide verraten erstaunlich wenig über den wahren Charakter, außer vielleicht eines: das unbewusste Bedürfnis, sein Innerstes zu schützen und sich in eine Norm zu flüchten.
Die Graphotherapie lädt dazu ein, klarer und echter zu schreiben. Auch zu “Fehlern“ und Eigenheiten zu stehen und sie lieb zu haben. Sie lehrt dich, auch, deinen Blick nach innen, auf deine Werte zu richten. Proportionen bewusst wahrzunehmen, Struktur zu erzeugen und deinen eigenen Rhythmus zu entdecken. Auch diese Schrift wird einer gewissen Norm entsprechen, allerdings nicht so aufgesetzt. Du bringst selbst alles an seinen Platz – durch Absicht, Wahrnehmung und Bewusstsein.
Bei aller kritischen Betrachtung bleibt eines unbestritten:
Jeder Mensch, der mit der Hand schreibt, bildet seinen Geist. Handschriftlich zu schreiben aktiviert, verknüpft, ordnet und verbindet. Dieses Training nutzt dein Gehirn ganzheitlich – unabhängig davon, ob die Buchstaben tanzen, marschieren oder einfach nur ehrlich nebeneinander stehen.
Für mich ist genau das die eigentliche Schönheit: nicht wie perfekt eine Schrift aussieht, sondern dass sie überhaupt entsteht. Aus einer spontanen Verbindung des Geistes, mit der Hand und aus einem Moment echter Aufmerksamkeit.
Vielen Dank für deine Zeit und dein Interesse.
Marika Jacqueline Mitterhofer

