In vielen indigenen Traditionen hatte Zuhören einen höheren Stellenwert als Sprechen. Man ging davon aus, dass Worte Gewicht haben und mit Bedacht eingesetzt werden wollen. Wer ständig sprach, galt nicht als besonders klug, sondern als unruhig. Zuhören hingegen sammelte Erfahrung, Präsenz und Autorität. Kinder wurden deshalb nicht fortlaufend belehrt. Sie waren einfach dabei, saßen im Kreis, beobachteten und hörten zu. Oft vergingen Jahre, bevor man von ihnen erwartete, dass ihre Stimme Gewicht hatte.
Schweigen war dabei kein unangenehmer Zwischenraum, sondern ein selbstverständlicher Teil der Kommunikation. Nach einer Frage folgte nicht sofort eine Antwort. Man ließ sie liegen, wie einen Samen, der Zeit braucht. Erst wenn alle innerlich angekommen waren, sprach jemand. Nicht der Schnellste und nicht der Lauteste, sondern der Mensch, bei dem man spürte, dass der Moment reif war. Was wir heute oft als peinliche Stille empfinden, war damals ein Zeichen von Respekt.
Zuhören, oder hinhören, beschränkte sich nicht auf Worte. Es geschah mit dem ganzen Körper. Tonfall, Pausen, Haltung und Bewegung wurden wahrgenommen, ebenso das, was zwischen den Worten lag. Man hörte auch der Natur zu, ganz praktisch und ohne romantische Überhöhung. Dem Wind, den Tieren, dem Feuer und dem Wasser. Wer aufmerksam war, wusste, wann Gefahr drohte, wann es Zeit war zu gehen und wann zu bleiben. Gutes Hinhören war eine Fähigkeit, die überlebenswichtig war, keine Metapher.
In Redekreisen wurde diese Haltung sichtbar. Es sprach immer nur eine Person, oft mit einem Gegenstand in der Hand, der das Wort hielt. Niemand unterbrach, niemand widersprach sofort, niemand bewertete. Man hörte zu, um den anderen vollständig aufzunehmen, nicht um innerlich schon eine Antwort vorzubereiten. Erst nachdem alle gesprochen hatten, durfte reagiert werden. Manchmal geschah auch das nicht.
Zuhören war damit mehr als Kommunikation.
Es war eine innere Haltung. Es bedeutete, Raum in sich zu schaffen für etwas, das nicht man selbst ist.
Wer schlecht zuhören konnte, galt nicht als ungeübt, sondern als unreif. Solche Menschen waren nicht bereit für Führung, nicht für Entscheidungen und nicht für Verantwortung. Führung begann nicht mit einer Vision, sondern mit der Fähigkeit, andere wirklich wahrzunehmen.
Heute leben wir in einer Kultur, die dazu auffordert, sich zu äußern, sichtbar zu sein und die eigene Meinung zu zeigen.
Indigene Weisheit würde dem leise entgegnen, dass es zuerst darum geht, leer genug zu werden, um überhaupt etwas hören zu können. Vielleicht erklärt das, warum uns heute so viel Wissen zur Verfügung steht und dennoch so wenig wirklich verstanden wird.
Manchmal ist Zuhören keine Technik, sondern eine Haltung, die man sich bewusst zurückerobert.
Der Buchstabe Uu – Umberto, der Geduldige trägt genau diese Qualität in sich. Durch das bewusste Schreiben und Üben verankert er Geduld, Aufnahmekraft und inneres Lauschen. Eine Haltung, die nicht erlernt wird, sondern erinnert werden will.
Viel Freude beim Üben und Experimentieren mit dieser Fähigkeit, die Geduld vertieft, Präsenz stärkt und Begegnungen spürbar verändert.
Marika Jacqueline Mitterhofer

