Wenn ich bei Sinnen bin, komme ich nach Hause

In diesen turbulenten Zeiten könnte die Frage auftauchen, welchen Sinn das Leben – oder besser: das Leben selbst – hat, wenn doch alles drunter und drüber geht. Gerade jetzt, wo sich scheinbar alles neu formt: die Finanzwelt, die Schulen, die ärztlichen Behandlungsmethoden des Körpers und der Seele, die Aufteilung der Länder, das Klima. Alles liegt vor meinen Augen.

Ein Gefühl von Überforderung stellt sich ein. So ähnlich wie damals, als ich aus einer sehr großen Wohnung auszog und all die angesammelten Dinge der letzten 30 Jahre vor mir lagen. Nie hatte ich mehr besessen, und nie war ich so leer wie zu dieser Zeit. Heute, fünf Jahre später, ist mein Hab und Gut auf ein Minimum geschrumpft. Ich besitze kaum noch Dinge, habe vieles verschenkt und verkauft und dafür in mich und bleibende Werte investiert.

In meine innere Ruhe, dieses stetige Zuhause, das seither gepflegt und aufgeräumt bleibt. Hier lasse ich nur mich hinein – und an manchen Tagen meine Auserwählten. Sowohl geistig als auch räumlich.

Durch das Schreiben mit der Hand habe ich gelernt, was mir wirklich so wichtig ist, um es aufzuschreiben. Oft verändert sich ein Satz noch während des Schreibens, allein durch das Tempo und das Ordnen meiner Gedanken. In dieser sinnlichen Bewegung formt sich Sinnhaftes von Sinnlosem vor meinen Augen. Meine Gedanken kommen zur Ruhe, mein Puls wird wieder gleichmäßig.

Zur Besinnung kommen.

 

Was heißt das für dich?
Was hilft dir, wieder bei dir anzukommen?

 

Beim bewussten Schreiben habe ich mir Erinnerungshilfen eingebaut. Es sind die Abstände, die den Raum weiter werden lassen. An allen vier Rändern des Blattes ebenso wie zwischen den Wörtern und Buchstaben. Hier wird geatmet, Gedanken werden beobachtet, in den Körper hineingefühlt, leise gesummt und wieder ins Gleichgewicht gebracht. Ich reguliere den Druck meines Stiftes auf dem Papier, bringe Kopf (Oberzone), Herz (Mittelzone) und Gefühle beziehungsweise Unterbewusstsein (Unterzone) an ihren Platz. Wort für Wort weiß ich, was ich tue. Und wenn mir das auf dem Papier gelingt, wird es mir auch im täglichen Rausch der Zerstreuung gelingen.

Das weltliche Durcheinander lasse ich nur bis vor die Gartentür. Meine Wohnung und mein Inneres sind Tabuzonen, in denen ich achtsam Grenzen setze. Handy, Computer, Zeitungen – Informationen haben ihren Platz. Ich ignoriere weder die Lage der Nation, noch die weltlichen Konflikte, doch ich dosiere das Gift.

Rückblickend erkenne ich, wie viele unangenehme, schwierige und scheinbar unlösbare Situationen ich bereits überstanden habe, ohne zu wissen, wie es weitergehen soll. Es ist unmöglich, alle Veränderungen vorauszusehen, und doch geht das Leben immer weiter. Also arrangiere ich mich mit den Umständen, mit frohen und schmerzhaften Gefühlen, und gehe Schritt für Schritt meinen Weg.

Ich weiß, dass ich lebe, wie ich schreibe. Nicht starr, eng, hart oder gedrängt, sondern übersichtlich, fließend, weit und beweglich. Mit viel Raum und Luft zum Atmen.

Ich lege mein leeres Blatt absichtlich quer. So habe ich mehr Zeit für meine Erledigungen. Es bringt mir Ruhe und Entspannung. Die Zeilen führe ich leicht nach oben und trainiere damit meinen Optimismusmuskel. In meinem Leben gibt es immer etwas, das bergauf geht.

Meine Dankbarkeit für die vielen kleinen Dinge, die nicht selbstverständlich sind, halte ich morgens und abends in kurzen Notizen fest. Sie erinnern mich daran, wofür und für wen ich jetzt dankbar bin. Dieses Gefühl ist stärker als jede Angst.

Ich habe keine großen Ziele, aber klare Ausrichtungen und Werte, die ich tagsüber in meinem Tun lebe. Damit lässt sich doch etwas Schönes erreichen.

Keep it simple - Halte es einfach! Das ist mein Lebensmotto. 

Ich wünsche Dir ein frohes und mutiges neues Jahr, indem du die positiven und negativen Erfahrungen in Balance halten kannst. 

Alles Liebe

Marika Jacqueline Mitterhofer